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Buch-Besprechungen
Beton & Knöterich (Christa Stocker und Othmar Odermatt)
Bauprojekt Goldboden erregt die Gemüter
Früh übt sich, wer ein Bauprojekt durchziehen – oder es erfolgreich verhindern will. Geschichtes Debattieren, Taktik und überzeugende Argumente sind gefragt. Alles Qualitäten, die beim Interaktionsspiel «Beton & Knöterich mit ebensoviel Lust wie Ernsthaftigkeit ausgelebt werden können. Das Planspiel ist von Christa Stocker und Othmar Odermatt entwickelt worden.

Das Interaktionsspiel «Beton & Knöterich» simuliert im Prinzip eine Quartierversammlung, an der verschiedene Interessen aufeinander prallen. Wer mitspielt – es müssen mindestens acht Leute sein –, übernimmt eine Rolle und erhält eine Personenkarte, auf der die Haltung dieser Person, ihre Qualitäten und Interessen kurz skizziert sind. Es liegt dann an den Spielerinnen und Spielern, daraus eine überzeugende Figur zu gestalten.

Bauvorhaben als Ausgangspunkt
Ausgangspunkt des Spiels ist ein geplantes Bauvorhaben im gutbürgerlichen Quartier Goldboden: Auf einem vergammelten Werkgelände soll ein Wohn- und Geschäftszentrum entstehen. Unter anderem müsste deswegen ein baufälliges Haus mit einem Bio-Laden abgerissen werden. Die Stadtbehörden, die das Baurecht erteilen und das Grundstück umzonen müssen, wollen die betroffene Bevölkerung sachlich informieren. Auch Generalunternehmer Max Beton, Architektin Sarah Baumann und Josef Raser von der Kanalbank legen ihre (bauwilligen) Standpunkte dar.
Die «Informationen der Bauherrschaft» sind für die Mitwirkenden in einer Spielanleitung zusammengefasst. Diese hat allerdings eine sprichwörtliche «Rückseite». Erst wer die kleine Broschüre wendet, findet Angaben über die möglichen Auswirkungen der geplanten Überbauung. Es hat denn auch einige Figuren, die an der fiktiven Versammlung Opposition markieren: zum Beispiel Irma Knöterich, die Leiterin des vom Abbruch bedrohten Bio-Ladens. Oder Schülervertreter Moritz Rollbrett, der das Bauareal lieber als Abenteuergelände erhalten möchte.

Mit Machtstrukturen konfrontiert
Daneben gibt es zahlreiche weitere Rollen, die alle mit ihrer mehr oder weniger spezifischen Haltung zum Bauvorhaben den Gang des Spiels beeinflussen können: die junge Primarlehrerin Monica Stadler, die sich von den Neubauwohnungen eine Verjüngung des Quartiers erhofft, Malermeister Erich Streicher, der bereits mit lukrativen Aufträgen liebäugelt, Sekunderlehrer Eduard Schuler, der rechtskonservativ wählt und das Vorhaben vehement befürwortet, Konrad Ciped, Vertreter der IG Velo und alternativer Velohändler, der sich für möglichst wenig motorisierten Individualverkehr einsetzt, oder Anna Trambahn, die als Vertreterin der IG öffentlicher Verkehr ihre Bedingungen formuliert. Und nicht zu vergessen den Quartierpolizisten Emil Lieb, der viele Leute kennt und mit allen eine gute Beziehung pflegen will.
«Die Mitwirkenden werden mit Machtstrukturen konfrontiert und erleben ganz konkret deren Mechanismen. Sie sind herausgefordert, Macht zu vertreten, sich dagegen zu wehren oder sich auch mit Ohnmachtsgefühlen abzufinden», erklärt die Luzernerin Christa Stocker die Grundidee des Spiels. Den Anstoss zur Entwicklung von «Beton & Knöterich» gab ein Weekend zum Thema «Macht umverteilen», das an einem Treffen der Schweizerischen Basisgruppen stattfand. «Othmar Odermatt und ich haben damals einen spielerischen Zugang zum Thema gewählt. Seitdem haben wir das Spiel weiterentwickelt, getestet und verfeinert.» Nun ist es – nicht zuletzt dank Initiative eines Kleinverlegers – soweit gediehen, dass es als «vollwertiges» und spannendes Produkt auf den Markt gebracht werden konnte.

Wichtige Auswertungsphase
Christa Stocker hat erlebt, dass sich in diesem Spiel je nach Mitwirkenden immer wieder neue Konstellationen ergeben und überraschende Themen in den Vordergrund der «Machtkämpfe» rücken können. Eine neue Wendung erfährt das Spiel auch durch das gelegentliche Einstreuen von «Ereigniskarten», die dafür sorgen, dass Machtblöcke, die sich abgezeichnet haben, plötzlich ins Wanken geraten. In der Regel wird das Spiel nach einer Stunde abgebrochen und in der anschliessenden Auswertungsphase über die gemachten Erfahrungen diskutiert. Für Christa Stocker ist diese Auswertung ein wichtiger Aspekt: «Letztlich geht es wirklich darum, dass die Spielerinnen und Spieler merken, was bei ihnen selber abgeht, wie sie mit Macht oder Ohnmacht umgehen, warum sie diese oder jene Rolle mögen oder sich vielleicht darin eben nicht wohl fühlen. Diese Auseinandersetzung mit sich selber wird durch «Beton & Knöterich» eben auch in Gang gesetzt.»
Pirmin Bossart, in: Luzerner Zeitung, 25.9.1995
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Max Beton will im Goldboden bauen
Ein Spiel und doch keines: Im Goldboden plant Max Beton, die Kanalbank und die Migros eine Grossüberbauung – und stösst nicht nur auf Gegenliebe.

Max Beton ist Bauunternehmer und Selina Heiterweid Vollwert-Kochbuchautorin. Es ist unschwer zu erraten, wer im eternitverkleideten Einfamilienhaus wohnt, eine Tiefgarage unterm Garten baut und wer Querflöte spielt und Angorakatze Kassandra auf dem gestylten Sofa streichelt. Eines haben die zwei jedoch gemeinsam: Sie beschäftigen sich intensiv mit ihrem Wohnquartier Goldboden, genauer mit der Grossüberbauung im Zentrum, geplant von der Kanalbank und der Migros.

Quartierversammlung als Spiel
Klar, dass Generalunternehmer Max Beton bauen will, möglichst gewinnorientiert. Das letzte Wort allerdings ist noch nicht gesprochen. Selina Heiterweid hätte da noch Wünsche, ebenso Irma Knöterich vom Bioladen, Oberstufenschüler Moritz Rollbrett, Prokurist Alfred Raser von der Kanalbank und Posthalter Arthur Postowitch, der Laientheater-Fan. Das Spiel um den imaginären und doch so nahen Goldboden ist lanciert, die Quartierversammlung mit 8 bis 24 Personen, die in auf Kärtchen festgehaltene Rollen schlüpfen, angesagt.
Es ist ein Spiel um Siedlungsstruktur, Verkehrsregime, Jugendpolitik, Konsum und Gastronomiekultur, das sich Christa Stocker und Othmar Odermatt während langer Abende ausgedacht und nun im Luzerner db-Kleinverlag herausgegeben haben. Dabei seien Ähnlichkeiten mit in Luzern lebenden Personen unbeabsichtigt, erwähnt der hier wohnende Nidwaldner augenzwinkernd – auch nicht im Fall Emil Lieb, dem Quartierpolizisten, der es allen recht machen will, oder Konrad Ciped von der IG Velo, der in einer Uralt-Wohnung lebt und mangels Badezimmer jeweils bei seiner Freundin duschen muss.

Wachsamkeit als Ziel
Auch weitere Ähnlichkeiten – zum Beispiel mit dem Waldstätterpark – sind unbeabsichtigt: «Es geht uns nicht darum, etwas durchzubringen oder zu verhindern.» Im Zentrum stehen die kritische Auseinandersetzung, ohne Fronten zu beziehen, die Konsensfindung über ein geplantes Gebäude mitten im Quartier, sagt der Spielkreateur und: «Ziel ist, politisch wacher zu werden, mitzudenken.» Schulklassen sind dabei ebenso angesprochen wie Einzelpersonen.
Durch subtile Spielanleitungen stellen Kauffrau und Ergotherapeutin Christa Stocker und Othmar Odermatt diese Wachsamkeit auf die Probe. Dann etwa, wenn die Diretissima vom Goldboden Richtung Stadt durch eine Quartierstrasse mit Kindergarten führt oder wenn für Buspassagiere 300 Meter vor der geplanten Überbauung im restaurantlosen Quartier eine Fast-Food-Stätte vor – Teilprojekte, die noch abänderbar sind.
Hier lässt sich Odermatts engagiertes Interesse für Verkehrspolitik nicht verleugnen: «Vom ganzen Verkehrsvolumen in der Staddt Luzern fallen schätzungsweise 30 Prozent auf Fussgänger, weitere 10 bis 15 Prozent auf Velofahrer. Sie jedoch fallen häufig unter den Planungstisch», stellt der Student fest. Er zog einst von Ennetmoos «freiwillig» nach Luzern, «ganz einfach weil mich der Lebensraum Stadt interessiert». Und wie sieht seine Idealstadt, sein ideales Vorstadtquartier Goldboden aus? «Städtische Gebiete sind auch Lebensräume und nicht nur Durchgangsstationen und Geschäftszentren, sinniert er und wünscht sich Städte im Gleichgewicht. Haben wir das kürzlich nicht schon anderswo gehört?
Pia Seiler, in: Neuste Luzerner Nachrichten, 12.9.1995
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